Mit dem Gesamtleistermodell zu mehr bezahlbarem Wohnraum
Komplexe Bauvorhaben stellen hohe Anforderungen an Bauherrschaften. Dies gilt besonders für Genossenschaften, die mit langfristig angelegtem Kapital…
In den letzten Jahren dominierte ein Pharmariese die Debatte über Basels höchste Häuser. Nun wächst in Muttenz ein neues Hochhausensemble – zwischen Fussballstadion und Wohnquartier, Transitachse und Naherholungsgebiet. Einer der sechs geplanten Türme steht direkt am Fluss: der BirsTower. Mit rund neunzig Eigentumswohnungen und siebzig Short-Stay-Apartments ist er fast vollständig dem Wohnen gewidmet.
Familien picknicken auf einer grossen Wiese neben dem Fluss; im Hintergrund ragt eine Gruppe von Hochhäusern auf. Zwischen den Türmen flanieren junge Menschen über einen urbanen Platz. Wer mit diesen Bildern im Kopf nach Muttenz fährt, braucht ein gutes Vorstellungsvermögen, um die Szenen vor dem inneren Auge aufleben zu lassen. An der Grenze der baselländischen Gemeinde und der Stadt Basel fällt der Blick auf verflochtene Strassen und die Betonmauern eines Bahndamms. Zu hören ist das Rauschen der Autos, die die Autobahnverzweigung Hagnau passieren. Blau-rote Graffitis zieren die Lärmschutzwände und verweisen auf das nahe Fussballstadion St. Jakob-Park. Auffälliger als das Joggeli präsentiert sich der St. Jakob-Turm. Ein Fluss trennt den gläsernen Kristall vom Hochhausensemble, das dereinst das östliche Eingangstor zu Basel prägen wird.
Es ist die Birs, die einem der Türme, die bald an ihrem Ufer in die Höhe wachsen, ihren Namen verleiht: Der BirsTower ist eines von sechs Hochhäusern, die auf den beiden Arealen Hagnau Ost und Hagnau West vorgesehen sind. Während im Osten bereits die Baukräne stehen, steckt der Westen noch in der Planungsphase. Die Parzelle an der Birs gehört der Stiftung Kunsthaus Baselland; 2024 verlegte das Kunsthaus seinen Standort nach Münchenstein. Das alte Domizil, ein ehemaliges Fabrikgebäude inklusive Shedhalle, wird seither zwischengenutzt – bis auch hier die Bagger auffahren. Im Sommer 2025 wurde ein von der Halter AG unter drei Architekturbüros durchgeführter Studienauftrag abgeschlossen. Burkard Meyer Architekten und Lars Ruge Landschaften überzeugten die Jury mit einem Hochhaus, das eine stringente Tragstruktur aufweist, die eine flexible Gestaltung der Wohngeschosse ermöglicht.
Das städtebauliche Korsett war eng, vorgegeben durch den Quartierplan und das geforderte Nutzungsmass. Die drei Lösungsvorschläge unterscheiden sich in erster Linie durch die innere Organisation und die Fassadenausbildung. Bei siebzehn Wohngeschossen überrascht es nicht, dass die Gestaltung des Regelgeschosses und die Qualität der Eigentumswohnungen ausschlaggebend für den Juryentscheid waren. «Im Raum Basel existieren nur wenige Wohnhochhäuser», weist Ariel Dunkel, Projektleiter seitens der Halter AG, auf das Potenzial des Projekts hin. «Speziell ist zudem, dass im BirsTower Stockwerkeigentum im Baurecht entsteht – das gibt es in einem solchen Gebäude selten.» Damit unterscheidet sich das Projekt auch von Hagnau Ost, wo derzeit vierhundert Mietwohnungen gebaut werden.
«Ein Hochhaus, das eine gewisse Planungsflexibilität im Innern mit sich bringt, braucht eine robuste Struktur», hält Oliver Dufner, Mitinhaber von Burkard Meyer Architekten, fest. «Die richtige Feldgrösse und Stützenstellung zu finden, war anspruchsvoll.» Sein Team entwarf einen kompakten Kern, durch dessen Mitte ein kurzer Korridor verläuft, der vier bis sechs Wohneinheiten pro Geschoss erschliessen kann. Die Raumabschlüsse und die sichtbaren Betonstützen in den Wohnungen sind so angeordnet, dass die runden Stützen fast immer in den Raumecken liegen. Die Bewohner gelangen über ein Entrée in den offenen Wohn- und Essraum, der sich bis an die Fassade erstreckt. In den Gebäudeecken lädt eine verglaste Loggia dazu ein, die einmalige Aussicht zu jeder Jahreszeit zu geniessen.
«Bei der Überarbeitung im Anschluss an den Studienauftrag konnte die Struktur ihre hohe Flexibilität bereits beweisen», so Dufner. Lag der Schwerpunkt anfänglich bei kleineren Wohnungen, hat sich der Wohnungsmix inzwischen zugunsten grösserer Einheiten mit 2,5- bis 4,5-Zimmern verschoben. Die obersten fünf Eingangsebenen zählen zum Sky-Level und zeichnen sich durch eine lichte Höhe von 2,80 Metern sowie besonders grosszügig konzipierte Wohnungen aus. Von den vier Maisonette-Einheiten in der obersten Eingangsebene führt je eine Treppe in das Dachgeschoss, wo eine Terrasse sowie ein flexibel nutzbarer Wohnraum den repräsentativen Charakter unterstreichen. Einen Kontrast dazu bilden die Short-Stay-Apartments, die im ersten bis vierten Obergeschoss liegen. Sie ähneln grossen Hotelzimmern und zählen zur gewerblichen Nutzung. Wer nur für kurze Zeit im BirsTower lebt, hat Zugang zu einem gemeinschaftlich genutzten Frühstücksraum und einer Terrasse im zweiten Obergeschoss. Mit den Kleinstwohnungen, die sich bis in die grössere Sockelpartie ausdehnen, hat das Projekt gegenüber der Konkurrenz ebenfalls gepunktet.
Die öffentlichen Nutzungen beschränken sich auf das Erdgeschoss und werden im Aussenraum durch ein ausladendes Vordach aus Stahl markiert, das die zugehörige Umgebung fasst. Es verbindet zudem den Haupteingang, der sich dem Platz im Süden zuwendet, mit dem westseitigen Zugang zum Co-Working-Space. Wie die Besucher der Gastronomie betreten die Bewohnenden das Hochhaus über den Birsplatz. Die Nähe der beiden Eingänge animiert dazu, auf dem Nachhauseweg noch auf einen Drink einzukehren. Spontane Begegnungen fördern auch die beiden Gemeinschaftsräume, der Fitnessbereich und das Business-Center im fünften Obergeschoss. «Die Erfahrung aus der Planung anderer Projekte hat gezeigt, dass es gerade in solch grossen Häusern Zusatzangebote braucht, um dem sozialen Aspekt Rechnung zu tragen», meint Ariel Dunkel.
Auch vonseiten der Architekturschaffenden gibt es ein Projekt, das den BirsTower mitprägt. 2022 haben Burkard Meyer Architekten und Halter bereits zusammen ein Hochhaus realisiert: den BäreTower in Ostermundigen. «Beide Projekte zeichnen sich durch eine hierarchisch gegliederte Hülle aus, die eine feingliedrige Tektonik erkennen lässt», erläutert Oliver Dufner. In Muttenz bilden silberne Aluminiumprofile ein regelmässiges Raster, das mit Fenstergläsern, matten Faserzementplatten oder – ab dem fünften Obergeschoss – mit Photovoltaikelementen gefüllt ist.
Zu Füssen der 74 Meter hohen Fassade befindet sich der Birsplatz. Dieser wird von einer grünen Insel besetzt, die an den Rändern ansteigt, damit über der Tiefgarage Weidenpappeln, Eichen oder Eschen wachsen können. Die Form der Grünfläche, eine Ellipse, soll an die Schwemminsel einer Auenlandschaft erinnern, wie sie zukünftig weiter oben im Flussbett der Birs anzutreffen sein wird. Bis deren Renaturierung und die Umgestaltung der Uferzone südlich des Gebiets Hagnau dereinst umgesetzt sein werden, können die ersten Picknicks im urbaneren Kontext des BirsTowers stattfinden.
BURKARD MEYER ARCHITEKTEN wurden 1968 in Baden von Urs Burkard und Adrian Meyer gegründet. Heute führen Oliver Dufner, Urs Riniker und Thomas Wernli das rund 25-köpfige Team. Das Architekturbüro hat zahlreiche Schulanlagen und Wohnsiedlungen realisiert, darunter verschiedene Hochhäuser: 2015 die beiden Wohntürme Belétage in Baden, 2017 das Hochhaus Westlink in Zürich, 2022 den BäreTower in Ostermundigen. Auch mit dem Baselbiet sind Burkard Meyer Architekten bereits vertraut: In Liestal erstellten sie 2023 die Psychiatrische Klinik Baselland und 2025 zwei Neubauten auf dem Bahnhofareal. burkardmeyer.ch
JESSENVOLLENWEIDER ARCHITEKTUR wurde 1999 von Anna Jessen und Ingemar Vollenweider in Basel gegründet. Sven Kowalewsky und Isabell Ruschmeier komplettieren heute die Geschäftsleitung. Neben Schul- und Verwaltungsbauten hat das Büro zahlreiche Wohnbauten realisiert, darunter 2014 vier Wohnhäuser am Schaffhauserrheinweg in Basel. 2021 wurde der Neubau für das Basler Amt für Umwelt und Energie fertiggestellt, 2025 transformierte Jessenvollenweider Architektur den Hauptsitz Energie 360° in Zürich – zwei Projekte, bei denen die Photovoltaik integrativer Bestandteil der Fassadengestaltung ist. jessenvollenweider.ch
SSA ARCHITEKTEN sind in Basel und in Visp angesiedelt. Das 1992 gegründete Büro wird von den Partnern Ibo Aktepe, Michael Armbruster und Alexander Stakelbeck geführt und beschäftigt rund 25 Mitarbeitende. Es hat zahlreiche Wohn- und Infrastrukturbauten geplant und gebaut. 2007 erstellte es ein Aufnahmegebäude am Bahnhof Visp, bis 2030 soll auf der gegenüberliegenden Seite ein Bürogebäude entstehen. 2023 bebauten SSA Architekten das Henz-Areal in Suhr. Im Basler Lehenmattquartier ersetzen sie derzeit in drei Etappen eine Wohnsiedlung an der Birs. SSA Architekten
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