Zwischen Rauheit und Eleganz
Das Projekt B2Binz bildet den Auftakt zu einer der letzten Industrie- und Gewerbezonen in der Stadt Zürich. Das von Stücheli Architekten entworfene…
Das erste Viertel des 21. Jahrhunderts liegt hinter uns. In diesen 25 Jahren ist Zürich zu einer der lebenswertesten Städte geworden. 450 000 Menschen wohnen heute in der Stadt, rund 100 000 mehr als am Tiefpunkt Ende der 1980er-Jahre. Längst hat das Stadtgefüge die politischen Grenzen überschritten. Doch das Bewusstsein, dass Zürich nicht an seinen politischen Grenzen aufhört, nahm in jüngster Zeit ab. Könnte ein Wettbewerb dazu beitragen, die Grenzen in den Köpfen zu sprengen?
Zürich, Anfang der 1990er-Jahre: Die Baukonjunktur läuft schlecht. Viele junge Architektinnen und Architekten suchen ihr Glück in Barcelona oder im wiedervereinigten Berlin. Im Amtshaus IV krempelt derweil die 1986 gewählte Stadträtin Ursula Koch das damalige Bauamt II (heute Hochbaudepartement) um. Das Ziel von Koch und ihren Mitarbeitenden ist die lebens- werte Stadt. 1988 hält sie vor dem SIA eine programmatische Rede. Daraus extrahiert die Baulobby einen einzigen Satz: «Die Stadt ist gebaut.» Koch ist als Bauverhinderin abgestempelt. Die folgenden Sätze ihres Referats werden geflissentlich unter den Tisch gewischt: «Sie [die Stadt] muss nicht neu-, sondern umgebaut werden. Umgebaut zu einem lebenswerteren Zürich, mit hohen urbanen Qualitäten.» Die Bevölkerung unterstützt diesen Kurs 1992 mit einem Ja zur neuen Bau- und Zonenordnung (BZO). Da unzählige Rekurse die BZO blockieren, übersteuert sie der Kanton schliesslich mit der «BZO Hofmann». Erst 1999, ein Jahr nach Ursula Kochs Ausscheiden aus dem Stadtrat, erhält Zürich eine neue, «eigene» BZO.
Damit war im Jahr 2000 die Grundlage für Zürichs Entwicklung gelegt. Gleichzeitig kam die Konjunktur in Schwung. Es wurde nicht mehr nur geplant, sondern auch gebaut. Bereits 1994 hatte ein Entwicklungsleitbild die Basis für den Umbau des Oerliker Industriegebiets zum Zentrum Zürich Nord gelegt, und in Zürich West hatte der Technopark ein erstes Zeichen der neuen Zeit gesetzt. Der Umbau der Schiffbauhalle für das Schauspielhaus setzte das Quartier auf die kulturelle Karte. Und nachdem das seit Jahrzehnten verfolgte Projekt für die Gleisüberbauung HB Südwest/Eurogate definitiv gescheitert war, wurde der Weg frei für die Entwicklung der heutigen Europaallee.
In den Jahren um 2010 erreichte diese Entwicklung ihren Höhepunkt. Symbolisch dafür steht der 2011 vollendete Prime Tower. Auch die Agglomerationsgemeinden im Limmat- und im Glattal nahmen ihre städtebauliche Entwicklung an die Hand. Die zwischen 2006 und 2010 in Etappen eröff- nete Glattalbahn sowie die 2019 und 2022 fertiggestellten Teilstücke der Limmattalbahn machten mit ihren Schienensträngen das Zusammenwachsen über die Grenzen hinweg im Stadtraum sichtbar.
Die Grenzen durchbrach 2010 auch das «Krokodil», eine nach ihrer Stammbeiz benannte Arbeitsgruppe von Zürcher Architekten. Ohne Auftrag und ohne Rücksicht auf die Gemeindegrenzen entwickelte die Gruppe das Konzept für eine Grossstadt im Glattal mit Wohnraum für 420 000 Personen und 320 000 Arbeitsplätzen. Die Aufmerksamkeit für die Idee war gross, aber auch kurz. Politiker sprachen von einem «Befreiungsschlag» und einer «Initialzündung». Doch statt die Gedanken des Entwurfs weiterzuspinnen, fokussierte man sich auf die Probleme.
Dennoch schien in jener Zeit das Bewusstsein zu wachsen, dass Zürich nicht an seinen Grenzen aufhört, sondern zusammen mit den umliegenden Gemeinden eine einzige Stadt bildet. Doch seither scheint die imaginäre Mauer, die die zwölf Zürcher Stadtkreise umgibt, dicker und höher geworden zu sein. Was ist passiert?
Das Wachstum um 100 000 Personen veränderte die Struktur der Stadtbevölkerung. Mit der produzierenden Industrie verschwanden auch die Fabrikarbeiter, die mit ihren Familien in Aussersihl, dem Industriequartier oder Wiedikon wohnten. Stattdessen ist eine besser gebildete und verdienende Dienstleistungsgesellschaft entstanden; Gentrifizierung ist das Stichwort. Zudem machte die S-Bahn die Nähe von Wohnort und Arbeitsplatz bedeutungslos. In der Stadt wohnt nur, wer hier wohnen will und es sich leisten kann. Wer sich den Hüslitraum im Grünen verwirklichen will oder keine be- zahlbare Wohnung in der Stadt findet, zieht in die Agglomeration.
Wie in vielen grossen Städten hat sich auch in Zürich ein neues urbanes Lebensgefühl entwickelt. Man fährt Velo oder mit dem ÖV – keinesfalls mit dem Auto –, man lebt und konsumiert «bewusst». Kurz: Man versucht, alles richtig zu machen, und zelebriert dies gern. Doch wo es ein Richtig gibt, muss es auch ein Falsch geben. Dieses Falsche orten die Überzeugten des Richtigen bei den anderen: in den Agglomerationsgemeinden, wo das Auto eine wichtigere Rolle spielt, wo vielleicht hemmungsloser geplant und gebaut wird, wo die Einflussnahme der Behörden geringer ist. Das ist normal: Gerade die Auseinandersetzung zwischen richtig und falsch, zwischen gut und böse bringt eine Gesellschaft weiter.
Doch innerhalb der Stadt Zürich hat dieser Wettbewerb unterschiedlicher Ideen und Lebensvorstellungen nachgelassen. Das zeigt sich in der Politik. Seit den Wahlen von 1990 sind die Mehrheitsverhältnisse im Stadtrat stabil, und auch im Parlament sind die Mehrheiten oft schon vor der Debatte klar. Das kann man niemandem zum Vorwurf machen: Gemeinderat und Stadtregierung bilden den Willen der Wählerinnen und Wähler ab.
Es hat jedoch zur Folge, dass der politische Wettbewerb in der Stadt immer weniger zu Kompromissen zwingt. Zürich schmort im eigenen Saft, während sich die Diskrepanz zum Umland vergrössert. So ploppt denn auch in jedem Sommerloch die Idee auf, Zürich solle sich aus dem Kanton herauslösen, eigenständig werden – und alle Probleme wären gelöst.
Das Gegenteil wäre richtig. Das städtische Siedlungsgebiet nimmt keine Rücksicht auf politische Grenzen und erstreckt sich weit ins Limmattal, ins Glattal und entlang der beiden Seeufer. Doch Stadt und Kanton dürften sich darin einig sein, dass eine wie auch immer ausgestaltete Stadtver- einigung politisch zurzeit unmöglich ist. Die Befürchtungen kurzfristiger Verluste verstellen den Blick auf das langfristige Potenzial.
Natürlich ist die Stadt nicht isoliert. Der kantonale Richtplan zeichnet die Entwicklung über die Grenzen hinweg vor, Konkordate regeln in vielen Bereichen die Zusammenarbeit von Gemeinden untereinander. Aber ein abstrakter Richtplan schafft kein Bewusstsein für die zusammenhängende grosse Stadt. Noch weniger gelingt dies mit der grenzübergreifenden Zusammenarbeit: Ihre Daseinsberechtigung sind ja die Grenzen.
1915, zwanzig Jahre nach der ersten und zwanzig Jahre vor der zweiten Eingemeindung, lancierte der Zürcher Stadtrat einen Ideenwettbewerb für einen Bebauungsplan der Stadt Zürich und ihrer Vororte (siehe «Mut zur Metropole», Komplex 2020). Das Wettbewerbsgebiet umfasste weit mehr als das damalige Stadtgebiet und ging deutlich über die 1934 eingemeindeten Orte hinaus. 1918 prämierte die Jury drei Entwürfe. Interessant waren die im Wettbewerb geforderten unterschiedlichen Flughöhen: das ganze Wettbewerbsgebiet, einzelne Quartiere, aber auch Details wie ein Friedhof.
Die Fäden dieses Wettbewerbs «Gross-Zürich», aber auch der Arbeit der Gruppe Krokodil könnte man heute mit einem neuen Wettbewerb wieder aufnehmen. Das Wettbewerbsgebiet müsste sich weit ins Limmat- und ins Glattal und beidseits des Sees erstrecken. Als Veranstalterin müsste eine unabhängige, politisch breit abgestützte Gruppe oder Institution fungieren. Zu bearbeiten wären Themen wie Städtebau, Wohnungsbau, Infrastruktur oder Erholungsräume: Wo und wie können qualitativ hochwertige Räume geschaffen werden – weniger in den bestehenden Ortszentren als viel- mehr in den Übergangsbereichen zwischen den einzelnen Gemeinden? Welche konkreten Vorstellungen gibt es, um den im ganzen Stadtgebiet dringend nötigen Wohnraum zu schaffen – wie viel Wohnraum lässt sich überhaupt schaffen? Welche öffentlichen Einrichtungen können wo sinnvoll platziert werden? Dabei wäre weder die Entwicklung baureifer Projekte noch die Verschiebung politischer Grenzen das Ziel. Aber konkrete Pläne, Bilder und Skizzen könnten eine Vorstellung des grenzüberschreitenden Stadtgefüges vermitteln und damit das Bewusstsein schärfen.
Dabei sollte nicht nur das Verhältnis der Stadt Zürich zu den umliegenden Gemeinden im Fokus stehen, sondern ebenso die Beziehungen der Gemeinden untereinander. Das Zielpublikum dürften nicht allein Fachleute aus der Planung und der Politik sein, sondern – mit breit angelegten Veranstaltungen – die ganze Bevölkerung.
Den Ärger mancher Zürcherinnen und Zürcher über die SUV-Fahrerin von der Goldküste oder den Autoposer aus dem Limmattal schafft ein solcher Wettbewerb nicht aus der Welt. Ebenso wenig wie umgekehrt den Ärger darüber, dass die Stadt den Strassen- und Parkierraum immer mehr einschränkt. Doch macht nicht gerade das Nebeneinander von «richtig» und «falsch» das Wesen einer Grossstadt aus? Umso wichtiger ist es, das Bewusstsein für das Gemeinsame zu schaffen.
WERNER HUBER studierte Architektur an der ETH und war während mehr als zwanzig Jahren Redaktor, später auch Co-Geschäftsleiter von «Hochparterre». 2024 war er Mitgründer der Agentur Baukultur GmbH. Er verfasst Texte für Architekturbüros, Immobilienunternehmen, Zeitungen und Zeitschriften, schreibt Gutachten für die Denkmalpflege, macht Stadtführungen und realisiert Buchprojekte. Ein zweijähriger Aufenthalt in Moskau und zahlreiche Reisen erweiterten seinen Horizont auch über Zürich hinaus.
Das Projekt B2Binz bildet den Auftakt zu einer der letzten Industrie- und Gewerbezonen in der Stadt Zürich. Das von Stücheli Architekten entworfene…