«Wer bauen will, muss heute viel mehr Anforderungen erfüllen als früher.»

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Die Schweiz steht raumplanerisch unter Druck: Bevölkerungswachstum, Mobilitätsbedürfnisse, Energieinfrastruktur und der Schutz von Landschaft und Kulturland konkurrieren auf engem Raum. Wie lassen sich diese Ansprüche koordinieren – und welche Rolle kommt dem Bund in einem föderal geprägten Planungssystem zu? Ein Gespräch mit Roman Mayer, dem Direktor des Bundesamts für Raumentwicklung (ARE).

Der Nidwaldner Roman Mayer läuft die Kaskadentreppe hinab, die die Geschosse miteinander verbindet.
Text: Eva Hirschi
Fotos: Sébastien Agnetti
19. Ausgabe / 2026

In einem viergeschossigen Holzbau in Ittigen, unweit der Stadt Bern, ist das Bundesamt für Raumentwicklung (ARE) untergebracht. Das Gebäude mit rund hundert Arbeitsplätzen wurde 2013 fertiggestellt und weist den Minergie-P-Eco-Standard auf. Herzstück ist die Kaskadentreppe, die die Geschosse miteinander verbindet und zusammen mit weiteren Deckendurchbrüchen interessante Lichteffekte im Innern schafft. Roman Mayer, Direktor des ARE, führt uns zu seinem Büro auf der vierten Etage.

KOMPLEX: Roman Mayer, Sie haben am 1. Oktober 2025 die Stelle als Direktor des Bundesamts für Raumentwicklung angetreten. Was ist grundsätzlich Ihr Verständnis von Raumentwicklung?

Roman Mayer: Für mich geht es darum, dass wir den Raum, in dem wir leben und arbeiten, zweckmässig und zugleich nachhaltig nutzen. Man muss diese beiden Aspekte eng miteinander verbinden. Wir müssen den Raum so entwickeln, dass er uns, aber auch künftigen Generationen dient.

K: Wie viel Einfluss kann die Raumplanung in einem föderalen System wie dem der Schweiz effektiv nehmen?

RM: Enorm viel. Raumplanung ist eine klassische Querschnittsaufgabe. Fast jede staatliche oder private Aufgabe hat einen Bezug zum Raum. Sie können beispielsweise Wirtschaftspolitik durch Raumplanung machen: Wenn in Städten das Gewerbe Mühe hat, genügend Kundschaft anzulocken, lässt sich mit verschiedenen Raumplanungsmassnahmen das Stadtzentrum beleben. In der Gesundheitspolitik braucht es geeignete Standorte für Spitäler. Auch der Tourismus benötigt Raumplanung, um zu evaluieren, wo man beispielsweise Skigebiete entwickeln kann und wo nicht. Es gibt fast keine staatliche Aufgabe, die nicht auf die Raumplanung angewiesen ist.

K: Wo sehen Sie die mittelfristigen und langfristigen Herausforderungen für die Entwicklung unserer Städte und Gemeinden?

RM: Im Vordergrund steht klar der Wohnungsbau. Die Zuwanderung und diverse andere Faktoren führen dazu, dass wir mehr Wohnungen brauchen. Wenn mehr Menschen hier leben, brauchen wir aber auch mehr Energie, vor allem erneuerbare Energie. Und wir müssen die zunehmende Mobilität der Menschen und somit den Verkehr in den Griff bekommen. Dies sind die drei Schwerpunkte: Wohnraum, Energie und Verkehr.

K: Wie bringt man diese Herausforderungen mit dem begrenzten Raum in der Schweiz in Einklang?

RM: Die Stimmbürger haben 2012 darüber abgestimmt und entschieden: Wir setzen auf eine Innenentwicklung und wollen die Siedlungsentwicklung dementsprechend lenken, und zwar an zentrale Standorte, die gut erschlossen sind. Da gibt es grosses Potenzial. Früher wurden einfach neue Gebiete eingezont – das führte zu jener Zersiedlung, die wir heute haben. Nun will man die Entwicklung an geeigneten Standorten konzentrieren. Das findet auch bereits statt: Die Kantone und Gemeinden sind daran, den Raum und das Potenzial, das noch vorhanden ist, zu nutzen.

K: Bleibt denn in diesen verdichteten Siedlungsräumen überhaupt noch Platz für Natur und Biodiversität?

RM: Es bestehen teilweise falsche Vorstellungen von Verdichtung. Viele denken sofort an Dichtestress und Beton. Das ist aber nicht so. Eine gute Siedlungsentwicklung ist eine Entwicklung, die primär von Qualitätsansprüchen ausgeht. Man kann verdichtet bauen und gleichzeitig Freiräume schaffen, die wiederum Platz bieten für die Biodiversität. Früher hat jeder auf seiner Parzelle gebaut. Heute denkt man parzellenübergreifend, zum Beispiel in Quartieren, und überlegt, wie man ein Quartier verbessern kann, um die Lebensqualität zu steigern und gleichzeitig das Ziel der Verdichtung zu erreichen. Verdichtung und Biodiversität sind also kein Widerspruch, ganz im Gegenteil: Es gibt fantastische Siedlungsentwicklungsprojekte, welche die Natur und Biodiversität fördern.

K: Haben Sie ein Beispiel für uns?

RM: Schlieren ist ein sehr gutes Beispiel. Diese Zürcher Gemeinde hat bereits in den 1990er-Jahren gemerkt, dass sich Probleme anbahnen. Die Industrie hatte das Dorf verlassen, es kamen Menschen, die sich in Zürich keine Wohnung mehr leisten konnten. Die Gemeinde hatte damals den Mut, eine langfristig orientierte Siedlungsentwicklung anzugehen, statt einfach zu reagieren und in Hektik zu verfallen. Sie hat die Situation analysiert, ein Siedlungsentwicklungskonzept erarbeitet und dieses gemeinsam mit der Bevölkerung umgesetzt. Das braucht politische Durchsetzungskraft, Beharrlichkeit und Geduld. Die Stadt hat so Wohnraum für Tausende von Menschen geschaffen – und das, ohne mehr Bauland einzuzonen. Sie hat die bestehenden Flächen klug genutzt, Ersatzneubauten erstellt und dank Grünräumen viel Lebensqualität geschaffen.

Das Büro von Roman Mayer liegt im 4. Stock. Der in Element-Holzbauweise erstellte Verwaltungsbau wurde von Mischa Badertscher Architekten geplant und 2015 mit einer Anerkennung des Prix Lignum ausgezeichnet.
Das Gebäude erfüllt die Ansprüche an Energie- und Ressourceneffi zienz. Von seinem Arbeitsplatz aus schaut der Direktor des ARE auf nahe gelegene Wohnbauten.

K: Die Planungshoheit liegt letztlich bei den Kantonen und Gemeinden. Was sind die Möglichkeiten des Bundes, um hier Einfluss zu nehmen?

RM: Der Bund gibt die grossen Leitplanken der Raumplanung vor, die in der ganzen Schweiz gelten. So soll etwa nicht mehr so stark eingezont werden wie in der Vergangenheit. Es liegt aber an den Kantonen, zu bestimmen, wie sie diese Grundsätze umsetzen wollen. Der Bund hat dabei eine Aufsichtsfunktion. Wenn die Kantone in ihren Richtplänen die Entwicklung ihres Gebiets festhalten und Strategien formulieren wollen, dann müssen sie uns diese zur Genehmigung unterbreiten. Wir kontrollieren, ob das Bundesrecht eingehalten wird und ob die Kantonalplanung mit der Bundesplanung abgestimmt ist. So können wir einen gewissen Einfluss nehmen.

K: Funktioniert das in der Regel gut, oder sehen Sie Potenzial für Reformen?

RM: Es funktioniert gut. In unserem föderalistischen Staat gilt das Subsidiaritätsprinzip: Die Entscheidung fällen soll jene Staatsebene, die von den Konsequenzen betroffen ist und die Kosten trägt. Bei der klassischen Raumplanung ist das die Gemeinde. Doch es braucht Zusammenarbeit. Die Kantone stellen sicher, dass ihre Gemeinden die Raumplanung koordinieren. Das tun teilweise auch die Kantone untereinander, etwa mit kantonalen Konferenzen. Der Bund stellt sicher, dass schweizweit eine Koordination stattfindet. So hat sich ein System etabliert, von dem ich glaube, dass es sich sehr bewährt hat. Natürlich kann jedes System auf die eine oder andere Art und Weise justiert werden.

K: Zum Beispiel?

RM: Gemäss der neuen Energiestrategie des Bundes sollen erneuerbare Energien stärker ausgebaut werden. Dabei hat man festgestellt, dass die Kantone bei der Umsetzung auf Schwierigkeiten stiessen. Deshalb hat der Bund eine gesetzliche Grundlage geschaffen, die es den Kantonen erlaubt, das Bewilligungsverfahren zu verkürzen. Das ist der sogenannte Beschleunigungserlass. Mit diesem Vorgehen haben wir versucht, sehr austariert eine gute Lösung zu finden, die die Verantwortung und Umsetzung primär bei den Kantonen belässt. Dieses System des Stufenbaus zwischen Bund, Kantonen und Gemeinden ist in den 1970er- und 1980er-Jahren entstanden und hat sich bewährt.

K: Eine der grossen Herausforderungen in der Raumnutzung heute ist, dass viele an sich notwendige Infrastruktur- und Hochbauprojekte durch Rekurse verzögert oder ganz verhindert werden. Sehen Sie Möglichkeiten, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken?

RM: In der Regel sind die Baubewilligungsverfahren in den Gemeinden und Kantonen effizient. Ich habe mich kürzlich mit den kantonalen Raumplanerinnen und -planern ausgetauscht, und sie haben mir gesagt, dass die überwiegende Anzahl von Baugesuchen gut und schnell abgewickelt wird. Es gibt aber Bauvorhaben, die auf Schwierigkeiten wie etwa Einsprachen oder Rekurse stossen. Das sehen wir bei grossen Energieanlagen, das sehen wir aber insbesondere auch beim Wohnungsbau – und zwar dort, wo die Innenentwicklung stattfinden sollte, also in den grossen Städten oder deren Agglomerationen. Die Baubewilligungsverfahren sind aber grundsätzlich in der Zuständigkeit der Kantone. Der Bund hat da keine Kompetenz.

K: Sehen Sie dennoch Lösungen?

RM: Kantone und Gemeinden haben bereits versucht, diese Verfahren zu optimieren. Die Zitrone ist jedoch schon ziemlich ausgepresst. Viele Ursachen liegen auch darin, dass die Komplexität der Baubewilligungsverfahren steigt. Wer bauen will, muss heute viel mehr Anforderungen erfüllen als früher. Oft sind auch die Baubewilligungsbehörden personell oder fachlich unterdotiert. Und mit der zunehmenden Komplexität muss die Professionalisierung voranschreiten, vor allem bei denen, die sich mit Baubewilligungen befassen – seien es Planer, seien es Architekten, aber auch Behörden. Wir hören, dass Baugesuche teilweise schlecht vorbereitet sind und zurückgeschickt werden müssen mit der Bitte, sie zu überarbeiten. Das heisst, es geht nicht nur um die Verfahren selbst, sondern es gibt diverse weitere Ursachen.

Roman Mayer gilt als profifilierter Kenner von komplexen Bewilligungsverfahren, Gesetzgebungsprozessen und Sachplanung. Vor seiner Tätigkeit im ARE war er beim Bundesamt für Energie (BFE) beschäftigt.
Raumentwicklung soll zur Standortattraktivität beitragen. Dafür ist eine kohärente, zukunftftsgerichtete Planung über Sektoren und Raumtypen hinweg zentral.

K: Dieses Problem hat auch die Politik erkannt und fordert, dass der Bund in die Bresche springt.

RM: Wir arbeiten gerade an einer Postulatsantwort an das Parlament, in der wir beschreiben, wo die Probleme liegen und was der Bund machen kann, um sie zu lösen. Es wird immer über die Verfahren gesprochen, aber man muss auch sagen, dass eine der Ursachen der immer knapper werdende Raum ist. Folglich gibt es mehr Betroffene bei einem Bauprojekt. Dass es da mehr Einsprachen gibt, ist zu einem gewissen Grad nachvollziehbar. Auf der grünen Wiese zu bauen, ist viel einfacher, als wenn Sie mitten in der Stadt Zürich bauen müssen, wo zahlreiche Einschränkungen zu berücksichtigen sind, wie etwa der Denkmalschutz oder Bauvorschriften. Einfache Lösungen gibt es nicht, aber das Problem ist erkannt, und wir arbeiten daran. Ziel ist, die Antwort auf das Postulat bis Ende des Jahres dem Parlament überweisen zu können.

K: Vor einem Jahr hat das ARE den Entwurf für ein überarbeitetes Raumkonzept Schweiz veröffentlicht und zu Stellungnahmen im Rahmen einer öffentlichen Konsultation eingeladen. Was ist die Funktion und die Wirkung des Raumkonzepts?

RM: Es handelt sich um ein tripartites Projekt von Bund, Kantonen und Städten respektive Gemeinden. Das Raumkonzept ist eine gemeinsame Vision aller drei Staatsebenen für die Schweiz im Jahr 2050. Wie soll unser Land in 24 Jahren aussehen? Das war die Grundfrage. Wichtig ist: Es handelt sich um ein Konzept und nicht um eine konkrete Planung. Um dieses Konzept in die Praxis umzusetzen, braucht es andere Instrumente. Die Rückmeldungen der Konsultation haben wir verarbeitet. Das aktualisierte Raumkonzept ist seit Kurzem verabschiedet und publiziert. Sie finden es auf der Website raumkonzept-schweiz.ch.

K: URBANISTICA, die Vereinigung für guten Städtebau, setzt sich für eine zukunftsfähige Raumentwicklung ein und hat im Rahmen dieser Konsultation eine Raumstrategie Schweiz 2070 ausgearbeitet. Was halten Sie davon?

RM: URBANISTICA hat aus der Praxis heraus eine Art Gegenkonzept mit einem längeren Zeithorizont erarbeitet. Ich muss sagen, ich fand es super, dass sich die Vereinigung so engagiert und einbringt. Wir haben ihr Konzept gelesen, und es hat uns inspiriert. Bei URBANISTICA sind natürlich Fachleute vertreten, die unser Konzept gern viel konkreter gesehen hätten. Das war aber nie unser Anspruch. Vielleicht gab es da ein Missverständnis. Ein Konzept über drei Staatsebenen muss zwangsläufig einen gewissen Abstraktionsgrad enthalten, allein schon, um mehrheitsfähig zu sein. Wir wollten mit dem Raumkonzept auch keine politischen Vorgaben machen, sondern eine planerische Vision entwickeln. Wir stehen aber weiterhin in Kontakt mit URBANISTICA und wollen diesen pflegen. Ich hoffe, wir können von der Vereinigung profitieren und umgekehrt sie von uns.

K: Bevor Sie Direktor des ARE wurden, waren Sie Vizedirektor des Bundesamts für Energie (BFE). Warum der Wechsel?

RM: Ich war immer mehr oder weniger im Bereich der Raumplanung tätig, zuerst in drei Kantonen, jeweils an der Schnittstelle Raumplanung, Umwelt und Bauwesen. Wegen meiner Raumplanungskenntnisse bin ich überhaupt zum BFE gekommen und habe dort die Raumplanungsthemen betreut. Die Leidenschaft für das Thema ist also schon lange da. Mit der neuen Energiestrategie wurde die Raumplanung dann noch relevanter. So bin ich immer tiefer in das Thema eingetaucht. In diesem Bereich stärker als bisher und in einer führenden Position gestalterisch tätig zu werden, hat mich sehr gereizt.

K: Was sind Ihre persönlichen Ziele, die Sie als Direktor des ARE in den nächsten Jahren erreichen möchten?

RM: Was mir am Herzen liegt, ist meine Vergangenheit in der Energieversorgung. Die Herausforderung ist enorm: Die Schweiz braucht sehr schnell sehr viel mehr Strom. Gleichzeitig muss dieser aber nachhaltig produziert werden. Wenn wir es schaffen, saubere Energie und eine nachhaltige Energieversorgung sicherzustellen, dann schlagen wir mehrere Fliegen mit einer Klappe. Das ist ein enormer Hebel. Dort will ich etwas bewegen.

Der Holzbau des ARE steht in direkter Nachbarschaft zu einem Verwaltungszentrum, das grosse Teile des Eidgenössischen Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK) beherbergt.
Mit seiner juristischen Expertise, seiner strategischen Planungskompetenz und der umfassenden Verwaltungserfahrung soll Roman Mayer die integrierte Raumentwicklung stärken.
Roman Mayers Aufgabe ist es, die Raumentwicklung im Kontext gesellschaftlicher, ökologischer und wirtschaftlicher Transformation weiterzudenken. Das parkähnliche Areal, in dem die Verwaltungsgebäude stehen, bietet auch Platz für einen kurzen Spaziergang.
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Zusammenfassung

  • Im Interview erklärt Roman Mayer, Direktor des Bundesamts für Raumentwicklung (ARE), weshalb die Schweiz angesichts des Bevölkerungswachstums konsequent auf Innenentwicklung setzt. Gut geplante Verdichtung schaffe dringend benötigten Wohnraum, ohne zusätzliches Kulturland zu beanspruchen, und könne gleichzeitig die Lebensqualität sowie die Biodiversität fördern.
  • Zudem zeigt er auf, warum Bauprojekte heute deutlich komplexer sind als früher. Neben strengeren gesetzlichen Anforderungen führen auch knapper werdender Raum, mehr betroffene Interessengruppen sowie Einsprachen und Rekurse zu längeren Planungs- und Bewilligungsverfahren.
  • Darüber hinaus erläutert Roman Mayer, wie Raumplanung dazu beiträgt, Wohnungsbau, Energiewende, Verkehr und wirtschaftliche Entwicklung aufeinander abzustimmen. Er macht deutlich, weshalb eine enge Zusammenarbeit von Bund, Kantonen und Gemeinden entscheidend ist, um die Schweiz nachhaltig weiterzuentwickeln.

Diese Zusammenfassung wurde von GPT erstellt. Sie kann möglicherweise Fehler enthalten. Geprüfte Informationen entnehmen Sie bitte dem Artikel.

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